Italien: Wissenschaft im Gerichtssaal

Die Gesundheitsbloggerin Ulrike Schmidleithner, die in Italien lebt und dort auch für ihren Blog Vaccinar…Sì eng mit der “Società Italiana di Igiene, medicina preventiva e Salute Pubblica” (Gesellschaft für Hygiene, Präventivmedizin und oeffentliches Gesundheitswesen),  zusammen arbeitet hat für den Impfblog die rezenten italienischen Urteile analysiert und kommt auf einen nicht besonders erstaunlichen Schluss – auf den Gutachter kommt es an:

blogItalien

In Italien hat die Legende von den Impfungen die Autismus auslösen Hochkonjunktur, zumindest in gewissen wissenschaftsfernen Kreisen.

Inzwischen wittern immer mehr (vor allem Anwälte und Ärzte) ein lukratives Geschäft mit diesem und anderen gesundheitlichen Problemen, die nach einer Impfung auftreten oder erstmals auffallen. Diese werden von gewissen Leuten einfach nur aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs als Impfschäden deklariert. Die Eltern werden systematisch gegen die Ärzte aufgehetzt die Impfungen empfehlen und man rät ihnen dringend, sich an einen der “auf Impfschäden spezialisierten” Rechtsanwälte zu wenden, die Hand in Hand mit – als impfskeptisch bekannten – Gutachtern zusammenarbeiten. Nicht selten sind es die Rechtsanwälte höchstpersönlich, die zum Beispiel bei Facebook auf Kundenjagd gehen und ihre Dienste anbietet.

Es gab daher in Italien in den letzten Jahren einige Urteile, bei denen die Eltern eines autistischen Kindes vor Gericht versuchten, einen Ersatz für den angeblichen Impfschaden zu bewirken. Bei einigen gaben die Richter den Eltern recht, bei anderen lehnten sie die Klage ab.

So wurde beispielsweise letzten November ein Urteil des mailändischen Gerichts vom 23 September 2014 bekannt, in dem das italienische Gesundheitsministerium zur Auszahlung eines Schadensersatzes zu Gunsten eines autistischen Kindes verurteilt wurde. Das italienische Gesundheitsministerium hat Berufung eingelegt.

In diesem Fall wurde die Sechsfachimpfung (Infanrix Hexa), die in Italien im dritten, fünften und elften Monat empfohlen wird, als Auslöser der autistischen Symptome angegeben.

In dem Urteil werden einige Auszüge aus dem Gutachten zitiert, die Schlüsse darauf ziehen lassen, auf welch wissenschaftsfernen Grundlagen sich das Urteil stützt.

Die Hauptpunkte des Gutachters sind:

1 ) Dass die Gefahren des Impfstoffes bei weitem unterschätzt werden, weil, was in Australien die Gesundheitsbehörden vor kurzem bestätigt haben sollen, Chargen des Impfstoffes (Infanrix Hexa) das Konservierungsmittel Thiomersal (Quecksilberethyl-natriumthiosalicylat), das heute offiziell wegen nachgewiesener Neurotoxizität verboten sei, in einer Konzentration enthalten, die den für Babys mit einem Gewicht von wenigen Kilogrammen zugelassenen Höchstwert bei weitem überschreiten.

Korrekt ist jedoch, dass Infanrix Hexa heute überhaupt kein Thiomersal enthält (auch nicht in Spuren). Im Jahr 2006, als das Kind geimpft wurde, war Thiomersal auch nicht als Konservierungsstoff enthalten, aber damals waren noch extrem geringe Spuren 10 ppb (ppb = Teile pro Milliarde) als Reste des Produktionsprozess enthalten. Diese sind weit von den zugelassenen Höchstwerten entfernt und haben keinerlei Bedeutung für die Gesundheit.

Ausserdem führt auch Thiomersal in den Konzentrationen als Konservierungsstoff zu keinen bedeutenden gesundheitlichen Problemen und es ist auch nicht für Autismus verantwortlich. Diese angebliche Korrelation wurde schon vor Jahren durch zahlreiche Studien widerlegt. Ausserdem ist die Autismusrate, nachdem Thiomersal im Jahr 1999/2000 aus den Impfstoffen entfernt wurde, weiterhin in gleichem Muster angestiegen, wie zuvor.

Dass die Gesundheitsbehörden in Australien kürzlich bestätigt haben sollen, Thiomersal sei in Konzentrationen enhalten, die den Höchstwert weit überschreiten, davon findet man keine Spur in deren Internetseite. Es geht aus dem Urteil nicht hervor (da darin nur kurze Auszüge aus dem Gutachten zitiert werden), worauf sich der Sachverständige bezieht, aber es ist ohne weiteres anzunehmen, dass es sich um die in Impfgegnerkreisen häufig zitierte australische Studie aus dem Jahr 2010 handelt.

J Toxicol Environ Health A. 2010;73(10):637-40.
Mercury in vaccines from the Australian childhood immunization program schedule.
Austin DW, Shandley KA, Palombo EA.

Bei den in der Veröffentlichung untersuchten Impfstoffen handelte es sich um Chargen aus der Zeit, bevor das Thiomersal aus dem Produktionsprozess entfernt wurde. In Australien ist Infanrix Hexa seit August 2009 thiomersalfrei. Und vorher waren nur die winzigen Spuren enthalten, die eben in dieser Studie gefunden wurden: 10 ppb.

Der zweite Punkt des Gutachters ist ein “geheimes” Dokument des Impfstoffherstellers, in dem dieser angeblich zugibt, dass Infanrix Hexa Autismus auslösen kann. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein geheimes Dokument, sondern um den Report, den die Impfstoffhersteller regelmässig an die Zulassungsbehörden schicken müssen. In dem Dokument werden alle UAWs (Unerwarteten Ereignisse nach der Impfung), die die Ärzte seit Oktober 2000, als Infanrix Hexa auf den Markt kam, dem Hersteller gemeldet haben. Es enthält auch die Ereignisse, die während einiger Studien beobachtet wurden, die seit der Vermarktung durchgeführt wurden, sogenannter “post-marketing” Studien.

Aus dem Dokument geht hervor, dass dem Hersteller des Impfstoffes Infanrix Hexa, Glaxo Smith-Kline, in den 10 Jahren von Oktober 2000 bis November 2010 weltweit sechs Fälle von Autismus gemeldet wurden (fünf schwere und ein als leicht eingestuftes autistisches Syndrom),  und das auf fast 73 Millionen gelieferte Dosen. Diese extrem geringe Meldezahl stellt natürlich für die Experten kein Warnsignal da, vor allem auch in Anbetracht der vielen Studien, die keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus feststellen konnten.

Das italienische Gesundheitsministerium und die Experten der Gesundheitsbehörden haben ihren Standpunkt zu diesem wissenschaftsfernen Urteil bekanntgegeben.

Die Ministerin Beatrice Lorenzin hat dieses Urteil als ein Attentat auf die öffentliche Gesundheit bezeichnet.

Die wichtigsten italienischen Wissenschaftsverbände haben dazu eine gemeinsame Pressemeldung abgegeben, mit der sie dieses Urteil aufs schärfste kritisieren:

Die Kritik geht vor allem gegen gewisse Sachverständige, die wissenschaftsferne Gutachten ausstellen vor.

“Wir behalten uns das Recht vor, die Ärzteverbände aufzufordern, das Verhalten derjenigen Sachverständigen in einem Disziplinarverfahren zu prüfen, deren Gutachten nicht auf wissenschaftliche Beweise gestützt sind, was zur Folge hat, dass die Richter Entscheidungen treffen, die im Widerspruch zur Wahrheit der Tatsachen stehen.”

Vor kurzem, am 20 Januar 2015, gab es ein weiteres Urteil, bei dem jedoch die Richterin des Gerichts von Santa Maria Capua Vetere die Klage auf Impfschaden ablehnte.

In diesem Fall gaben die Eltern einer ganzen Reihe von Impfungen die Schuld dafür, dass bei ihrem Kind Autismus diagnostiziert wurde und zwar die gegen Polio, DTP (Diphtherie, Tetanus, Pertussis), Haemophilus Influenzae B, Hepatitis B, MMR (Masern, Mumps und Röteln, in Italien MPR).

Im Urteil schreibt die Richterin in Bezug auf das Gutachten des Gerichtsmediziners:

“Der Bericht des Gutachters wurde in sorgfältiger und rigoroser Art durchgeführt, unter Berücksichtigung der einschlägigen Literatur und der existierenden Kasuistik. Die Schlussfolgerungen erscheinen sehr gründlich argumentiert und werden von der Datenlage des Verfahrens unterstützt.”

Es gab in Italien, wie schon gesagt, noch weitere Urteile, bei denen es um Autismus als angeblichen Impfschaden ging. So wurde zum Beispiel im April 2013 in einem Urteil des Gerichts von Genua die Klage abgelehnt, während das Gericht von Rimini im März 2012 den Eltern eines anderen Kindes Recht gegeben hat. Auch hier hat das italienische Gesundheitsministerium Berufung eingelegt.

Ich habe die beiden jüngsten Urteile etwas näher beleuchtet um zu verdeutlichen, dass solche niemals die wissenschaftlichen Erkenntnisse ersetzen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei Autismus als Impfschaden anerkannt wird, ist 50/50 und hängt grösstenteils von dem Kenntnisstande der Gutachter in Sachen Impfungen ab. In Italien braucht jemand nur ein Arztstudium absolviert zu haben um sich als Gutachter eintragen zu lassen. Es gibt für Gerichtsverfahren, bei denen es um Impfungen geht, leider keine Spezialistenliste, auf die sich die Richter stützen können. So werden auch Ärzte als Gutachter beordert, die wenig zum Thema Impfungen wissen. Daher kommt es immer wieder zur Anerkennung von Impfschäden, die in Wirklichkeit, laut wissenschaftlichem Kenntnisstand gar keine sind.

Gerichtsurteile können daher von wissenschaftlich orientierten Menschen keinesfalls als “Beweis” verwendet werden, weder in der einen Richtung noch in der anderen. Der Wahrheit kann man sich nur Schritt für Schritt mit hochwertigen wissenschaftlichen Studien nähern, die mit viel Sorgfalt, Hingabe, professioneller Leistung durchgeführt und in anerkannten medizinischen Zeitschriften veröffentlicht werden. Und dann muss die Gesamtheit der Studien zu einer bestimmten Frage abgewogen werden, da jede einzelne Studie Schwachstellen hat. Die Richtigkeit eines Ergebnisses kann erst durch mehrere Studien bestätigt werden, weil man nur so die Konsistenz eines beobachteten Ergebnisses testen kann.

Mit diesem wissenschaftlichen Prozess wurde Studie um Studie (mehrere Dutzende) festgestellt, dass Impfungen das Risiko einer Autismusdiagnose nicht beeinflussen. Dabei ist die Ausnahme die Impfung gegen Röteln, die vor einer Art von autistischem Syndrom schützt, die häufig bei Kindern mit Rötelnembryopathie vorkommt.

Zum Schluss möchte ich noch den bekannten Impfexperten Paul Offit zitieren:

“In Gerichten findet man keine wissenschaftliche Wahrheiten, sondern dort werden Streitigkeiten geschlichtet. Wenn Sie wissen wollen, ob Impfungen Autismus verursachen, darf man nicht auf die Gerichte schauen, sondern auf wissenschaftliche Studien.”

 

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Eine Antwort auf Italien: Wissenschaft im Gerichtssaal

  1. WolfgangM sagt:

    Auch in Österreich gibt es keine nennenswerte Überprüfung der Qualifikation eines Gerichtsgutachters/Gutachters. Einschlägige Publikationen auf dem Fachgebiet sind nicht erforderlich.
    So war einmal ein ärztlicher Impfgegner gerichtlich beeideter Gutachter für Impfschäden, wobei er seit mindestens 20 Jahren nicht geimpft hat.
    Und es gibt auch auf Impfschäden spezialisierte Rechtsanwälte.

    Und es gibt gravierend falsche Gutachten. Die Erstellung eines falschen Gutachtens ist aber ein strafrechtlicher Tatbestand. Hier müßte eigentlich der Staatsanwalt von sich aus einschreiten.

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