Für Impfen: Impfversagen

Mal wieder ein ganz hervorragend recherchiert, referenziert und geschriebener Artikel vom Team von Für Impfen – die brauchen übrigens nur noch 111 “Likes” bis 2000 und sind ausgesprochen “likable”.

Immer wieder gibt es Fälle, bei denen auch geimpfte Personen an impfpräventablen Infektionen erkranken. Viele Impfgegner sehen darin den letzten, unumstößlichen Beweis, dass Impfungen nicht wirken und unsinnig seien. Tatsächlich sind diese Fälle, bei genauerer Betrachtung, meist aber wenig überraschend, oder zumindest gut zu erklären.

Dieses sogenannte Impfversagen (engl. „non-/low-responsiveness“) ist ein bekanntes Phänomen und betrifft (geschätzt) 1-10 % aller Impfungen. Dabei sind große Schwankungen zwischen verschiedenen Impfstoffen zu verzeichnen. Die Impfung gegen Hepatitis B (HepB) hat mit etwa 5-10 % den größten bisher bekannten Anteil an Impfversagern, viele andere wirken hingegen in den allermeisten Fällen wie gewünscht [1,2].

Das Ziel von Impfungen ist die Immunität des Geimpften. Diese wird in der Regel durch die Produktion von Antikörpern durch B-Zellen erreicht (und nachgewiesen). Antikörper können Gifte von Krankheitserregern neutralisieren oder die Erreger selbst davon abhalten, uns krank zu machen. Dies erreichen sie z.B. indem sie die Erreger binden und so für das Immunsystem sichtbar machen. Natürlich gibt es aber noch wesentlich mehr Prozesse, die nach so einer Impfung ablaufen und eine Immunität gewährleisten, z.B. die Aktivierung von T-Zellen, oder die Bildung von Gedächtniszellen, die eine langlebige Immunität sicherstellen [3–5].

Impfversagen lässt sich in primäres und sekundäres Impfversagen einteilen. Als primäres Impfversagen gilt, wenn nach einer Grundimmunisierung oder eventuellen Booster-Injektionen keine nachweisbare Immunität ausgelöst wurde. Dies kann ganz verschiedene Ursachen haben: Fehler in der Lagerung, Fehler bei der Applikation (z.B. Reste des Desinfektionsmittels) oder auch zirkulierende Antikörper, z.B. von der Mutter (Nestschutz), oder von vorhergehenden Impfungen. Hiervon sind vor allem Lebend-Vakzine betroffen, da in allen Fällen die Viren abgetötet oder ihre Vermehrung gestört wird [2,6,7].

Sekundäres Impfversagen tritt dann auf, wenn die Immunität im Laufe der Zeit nachlässt. Dies ist nicht nur bei Impfungen, sondern auch bei der „natürlichen“ Immunität nach Erkrankungen der Fall und lässt sich kaum vermeiden. Hier helfen höhere Dosen an immunstimulierenden Substanzen (z.B. Bestandteilen der Erreger) oder Booster-Injektionen [6,7].

Darüber hinaus sind verschiedene Dinge denkbar, die einer erfolgreichen Immunität im Wege stehen können. So kann es sein, dass die Zeit zwischen der Impfung und dem ersten, echten Erregerkontakt zu kurz war und noch keine schützende Immunität aufgebaut werden konnte. Außerdem schützen einige Impfungen zwar vor den aggressivsten Stämmen (z.B. die HPV- oder Pneumokokken-Impfung), nicht aber vor allen. Schlimmstenfalls könnten Immundefekte oder zeitgleich ablaufende, andere Erkrankungen einer erfolgreichen Impfung im Wege stehen [2,7].

Ein Impfversagen lässt sich in gewissem Maße verhindern oder behandeln, wobei sich primäres Impfversagen durch achtsamen Umgang mit dem Impfstoff vor und während der Applikation vermeiden lässt, sekundäres wiederum kann durch Booster-Injektionen therapiert werden [7,8].

Hier endet der allgemeine Teil des Beitrages. Wer nun noch genug Energie für einen Ausflug in die molekularen Grundlagen des Impfversagens hat, darf gerne weiterlesen.

Neben den eben beschriebenen allgemeinen Faktoren, die den Impferfolg negativ beeinflussen können, wurden in der Forschung bereits zahlreiche weitere Einflüsse beschrieben. Wir wollen an dieser Stelle einen kleinen Einblick geben, wobei unsere Auswahl keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Wir wollen lediglich demonstrieren, wie divers und komplex Fragestellungen im Bereich der Impfstoffforschung und der Immunologie sind.

Die bereits erwähnten HepB-Impfstoffe sind, gerade weil es häufig zum Impfversagen kommt, relativ gut untersucht. So konnte gezeigt werden, dass die genetische Grundausstattung eines Menschen auch die Reaktion auf Impfungen beeinflusst, wobei vor allem bestimmte Varianten des Humanen Leukozytenantigens (HLA) von Bedeutung zu sein scheinen. Die HLA-Moleküle kommen in verschiedenen Varianten in jedem Menschen vor. Sie dienen den Zellen des Immunsystems als „Präsentier“-Moleküle. Auf ihnen können Bruchstücke von z.B. Viren oder Bakterien, aber eben auch Immunogene (die Stoffe in einer Impfung, auf die das Immunsystem reagiert) anderen Zellen gezeigt werden. Dies bewirkt normalerweise eine Aktivierung des Immunsystems. Bei der HepB-Impfung scheinen die in der Impfung enthaltenen Immunogene aber weniger effektiv präsentiert zu werden, was eine ungenügende Aktivierung des Immunsystems zur Folge hat. Dies ist insbesondere für ganz bestimmte Varianten dieser HLA-Moleküle nachgewiesen [1,9,10].

Die Pneumokokken-Impfung zeigt ebenfalls bei einigen Geimpften ein Impfversagen. Hier lassen aktuelle Studien vermuten, dass dies vor allem Menschen betrifft, die bereits mit einigen der Pneumokokken besiedelt sind. Man vermutet, dass Teile der Kapsel-Strukturen der Pneumokokken das Immunsystem überfluten. Dies zerstört die wichtigen B-Zellen und kann eine Art Lähmung des Immunsystems auslösen [11,12].

Die Masernimpfung kann ebenfalls von verschiedenen molekularen Prozessen beeinflusst werden. So zeigen Studien, dass ein bestimmtes Molekül auf der Oberfläche von Zellen (das sog. CD46) wichtig für die Aufnahme der im Impfstoff enthaltenen Viren ist. Nun kommt es bei einigen Menschen zu Mutationen im genetischen Code dieses Rezeptors. Man vermutet, dass diese Mutationen dazu führen, dass weniger Rezeptoren auf die Zelloberfläche gelangen, oder die Viren nicht mehr binden können [13].

Andere Studien geben auch einen Hinweis darauf, dass neben winzigen Veränderungen im Erbgut oder in Rezeptoren auch systemische Einflüsse eine große Rolle spielen. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass Übergewicht, neben den bekannten Risiken von Infarkten u.ä., auch die Immunantwort negativ beeinflussen [14,15]. Eine koreanische Forschergruppe hat nun auch nachgewiesen, dass die Wirksamkeit von Influenza-Impfungen bei Übergewicht nachlässt [16]. Andere Gruppen konnten dies für die Hepatitis A- und Tetanus-Impfungen zeigen [17,18]. Hier lässt sich keine einzelne Ursache ausmachen, es kommt viel mehr zu dramatischen und umfangreichen Fehlregulationen im Stoffwechsel und auch im Immunsystem.

Und schließlich kann auch ein recht banaler Prozess zum Impfversagen führen: das Altern. Dies liegt vermutlich vor allem daran, dass auch das Immunsystem altert und einige seiner Funktionen einbüßt oder weniger effektiv arbeitet. Immunologen sprechen hier von Immunseneszenz. Auch diese kann die Wirksamkeit von Impfungen einschränken [1,19].

An dieser Stelle möchten wir darauf hinweisen, dass die beschriebenen Effekte NICHT von den Impfstoffen ausgelöst wurden, sondern ihre Ursache in den geimpften Personen zu finden sind. Insbesondere die beschriebenen Defekte bei HepB könnten also auch bei Infektionen zu möglichen Problemen führen, weil diese Menschen keine adäquate Immunantwort ausbilden können. Eine Impfung ist in diesem Fall (wie auch den allermeisten anderen) die sicherere „Alternative“ zur Infektion.

Wir hoffen, wir konnten euch zeigen, wie schwierig und gleichzeitig höchst spannend die Forschung in diesem Bereich ist. Dieser Einblick zeigt aber auch, dass die von Impfgegnern häufig herangezogenen Persönlichkeiten, die wesentlich platter und ohne wirkliches Detailwissen argumentieren, keine echten Experten auf dem Gebiet der Impfungen sind (und häufig nicht einmal sein könnten, weil ihnen viel zu viel Wissen fehlt). Sie mögen eine Meinung haben, aber reicht das, um ein so komplexes Thema angemessen zu diskutieren?

Lesestoff:
[1] E. Garner-Spitzer, A. Wagner, M. Paulke-Korinek, H. Kollaritsch, F.X. Heinz, M. Redlberger-Fritz, K. Stiasny, G.F. Fischer, M. Kundi, U. Wiedermann, Tick-borne encephalitis (TBE) and hepatitis B nonresponders feature different immunologic mechanisms in response to TBE and influenza vaccination with involvement of regulatory T and B cells and IL-10, J Immunol 191 (2013) 2426–2436.
[2] U. Heininger, N.S. Bachtiar, P. Bahri, A. Dana, A. Dodoo, J. Gidudu, Santos, E. Matos dos, The concept of vaccination failure, Vaccine 30 (2012) 1265–1268.
[3] K. Murphy, P. Travers, M. Walport, C. Janeway, Janeway’s immunobiology, 8th ed., Garland Science, New York, ©2012.
[4] C. Schütt, B. Bröker, Grundwissen Immunologie, 3rd ed., Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2011.
[5] L. Rink, H. Haase, A. Kruse, Immunologie für Einsteiger, Spektrum, Akad. Verl., Heidelberg, 2012.
[6] G. Poggensee, A. Reuss, S. Reiter, A. Siedler, Overview and assessment of available data sources to determine incidence of vaccine preventable diseases, vaccination coverage, and immune status in Germany, Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 52 (2009) 1019–1028.
[7] H. W. Doerr, W. H. Gerlich, Medizinische Virologie, 2nd ed., THIEME, 2009.
[8] Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der DAKJ, Empfehlung einer generellen Zweitimpfung gegen Varizellen, Monatsschr Kinderheilkd 157 (2009) 377–379.
[9] A.B. McDermott, Cohen, S. B. A, J.N. Zuckerman, J.A. Madrigal, Human leukocyte antigens influence the immune response to a pre-S/S hepatitis B vaccine, Vaccine 17 (1999) 330–339.
[10] L. Goncalves, B. Albarran, S. Salmen, L. Borges, H. Fields, H. Montes, A. Soyano, Y. Diaz, L. Berrueta, The nonresponse to hepatitis B vaccination is associated with impaired lymphocyte activation, Virology 326 (2004) 20–28.
[11] E. Stanford, S. Ladhani, M. Slack, D. Scott, A. Fitzgerald-O’Connor, P. Waight, R. Malkani, R. Borrow, Pneumococcal serotype-specific unresponsiveness in vaccinated child with cochlear implant, Emerging Infect. Dis. 18 (2012) 1024–1026.
[12] Å. Örtqvist, I. Henckaerts, J. Hedlund, J. Poolman, Non-response to specific serotypes likely cause for failure to 23-valent pneumococcal polysaccharide vaccine in the elderly, 5TH INTERNATIONAL SYMPOSIUM ON PNEUMOCOCCI AND PNEUMOCOCCAL DISEASES, ALICE SPRINGS, CENTRAL AUSTRALIA, 2-6 APRIL 2006 25 (2007) 2445–2450.
[13] H.D. Clifford, C.M. Hayden, S.-K. Khoo, G. Zhang, Le Souef, Peter N, P. Richmond, CD46 measles virus receptor polymorphisms influence receptor protein expression and primary measles vaccine responses in naive Australian children, Clin Vaccine Immunol 19 (2012) 704–710.
[14] R. Huttunen, J. Syrjanen, Obesity and the risk and outcome of infection, Int J Obes (Lond) 37 (2013) 333–340.
[15] J.J. Milner, M.A. Beck, The impact of obesity on the immune response to infection, Proc Nutr Soc 71 (2012) 298–306.
[16] Y.-H. Kim, J.-K. Kim, D.-J. Kim, J.-H. Nam, S.-M. Shim, Y.-K. Choi, C.-H. Lee, H. Poo, Diet-induced obesity dramatically reduces the efficacy of a 2009 pandemic H1N1 vaccine in a mouse model, J Infect Dis 205 (2012) 244–251.
[17] D.J. Weber, W.A. Rutala, G.P. Samsa, J.E. Santimaw, S.M. Lemon, Obesity as a predictor of poor antibody response to hepatitis B plasma vaccine, JAMA 254 (1985) 3187–3189.
[18] A. Eliakim, C. Schwindt, F. Zaldivar, P. Casali, D.M. Cooper, Reduced tetanus antibody titers in overweight children, Autoimmunity 39 (2006) 137–141.
[19] B. Grubeck-Loebenstein, S. Della Bella, A.M. Iorio, J.-P. Michel, G. Pawelec, R. Solana, Immunosenescence and vaccine failure in the elderly, Aging Clin Exp Res 21 (2009) 201–209.

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2 Antworten auf Für Impfen: Impfversagen

  1. Dr. Wolfgang Wehner sagt:

    In der letzten Zeit machen Impfgegener, insbesondere Klaus Hartmann, das Aluminium Adjuvans in fünf- und sechsfach-Impfungen für schwere Nebenwirkungen wie hohes Fieber, starke Unruhe, schrilles Schreien bis hin zu einzelnen Todesfällen verantwortlich. Gibt es darüber Untersuchungen, und wie oft werden solche Vorfälle in Deutschland sowie in der übrigen Welt gemeldet?
    Darüberhinaus wird ausgeführt, dass eine Gabe von so vielen Impfungen gleichzeitig den Organismus der kleinen Säuglinge über Gebühr belasten würde. Ist das wirklich eine Belastung oder eine Ökonomisierung der immunologischen Prozesse?
    Wieviele offiziell anerkannte Impfschäden gibt es eigentlich?

  2. Catherina sagt:

    Gibt es darüber Untersuchungen, und wie oft werden solche Vorfälle in Deutschland sowie in der übrigen Welt gemeldet?

    Pubmed ist voll von Untersuchungen zu den tatsächlichen Nebenwirkungen von Impfstoffen. Es ist danach ziemlich klar, dass Aluminiumsalz-haltige Impfstoffe starke Lokalreaktionen verursachen (können). Todesfälle sind mir nicht bekannt und scheinen mir, dort wo sie behauptet werden, einer post hoc ergo propter hoc Argumentation zu folgen. Leider ist Pubmed auch von Auftragsforschung durchzogen, die den Schaden von AL Salzen beweisen soll, so kann auch ein Anti-Impfgutachter dort das eine oder andere finden (von den selben drei Gruppen publiziert).

    In Deutschland sammelt das PEI Nebenwirkungsmeldungen (etwas langwierig sich zur Datenbank zu klicken, aber hier ist der Start: http://www.pei.de/DE/arzneimittelsicherheit-vigilanz/pharmakovigilanz/uaw-datenbank/uaw-datenbank-node.html)

    In GB gibt es ein Yellow Card System, mit dem Verbraucher und Ärzte melden können, in den USA gibt es VAERS.

    Darüberhinaus wird ausgeführt, dass eine Gabe von so vielen Impfungen gleichzeitig den Organismus der kleinen Säuglinge über Gebühr belasten würde.

    Das verstehe ich immer nicht – ich bin noch Pocken, BCG und Ganzzell-Keuchhusten geimpft worden – dagegen sind die heutigen Impfstoffe doch total milde.

    Ist das wirklich eine Belastung oder eine Ökonomisierung der immunologischen Prozesse?

    Beides – natürlich wird das Immunsystem durch das Impfen angeworfen und es gibt tatsächlich den Befund, dass Prevenar, wenn mit einem DTaP-haltigen Impfstoff verimpft, mehr Fieber auslöst (oder eben danach mehr Fieber auftritt) als wenn Prevenar einzeln verimpft wird. Dafür spart man sich einen Besuch beim KiA, der, wie jeder mit Kindern weiss, auch recht häufig immunologisch herausfordernd ist.

    Wieviele offiziell anerkannte Impfschäden gibt es eigentlich?

    Die beste (wenn auch nicht besonders neue) Arbeit dazu ist diese http://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/bundesgesundheitsblatt/2001/2001-uaw-impfstoff-masern-komponente.pdf?__blob=publicationFile&v=1

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