Impfgegnermärchen: ALS als Impfschaden

Eine unserer Kategorien hier im Impfblog ist “Impfgegnermärchen” und da hatten wir schon lange keinen Post mehr zu. Nun ist es aber mal wieder so weit, denn die Impfverweigerer hängen sich an die Medienaufmerksamkeit zur #icebucketchallenge.

keepcoolSeit ungefähr Anfang Juli hatten sich ja rund um die Welt Prominente und weniger Prominente eiskaltes Wasser über den Kopf geschüttet, um 1. über ALS zu informieren und 2. Spenden für ALS-Stiftungen zu sammeln (wer in Deutschland/Europa spenden will, kann das bei / für die ALS Hilfe (D) [1], die Fondation Thierry Latran (F) [2], oder die MND Association (UK) [3] – alles Organisationen, die nicht nur Forschung finanzieren, sondern sich auch um Patienten und ihre Familie kümmern).

ALS – die amyotrophe Lateralsklerose – ist eine Motoneuronenerkrankung [4] (zu denen gehört auch die Spinale Muskelatrophie, SMA [5], an denen Babies und Kleinkinder sterben, oft schon mit Muskelschwäche geboren), die erstmals 1869 vom Französischen Neurologen Jean-Martin Charcot beschrieben wurde. Bei den Motoneuronenerkrankungen (MND) sterben die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark, die unsere Bewegungen steuern, eben die sogenannten Motoneuronen. Motoneuronen zeichnen sich durch ihre besonders langen Verbindungen aus – während andere Zellen oft nur wenige Zentimeter lange Verbindungen knüpfen, muss ein Hirnmotoneuron mit einem Durchmesser von 25 Mikrometern seinen Fortsatz von der Oberseite unserer Großhirnrinde bis ins Rückenmarks wachsen lassen und diese Verbindung aufrecht erhalten und mit Energie versorgen. Genauso muss ein spinales Motorneuron seinen Fortsatz vom Rückenmark bis zum Fuß schicker – das wird schon mal ein Meter. Man vermutet, dass wegen dieser “Belastung” für die Zellmaschinerie, Motoneurone schneller sterben als andere Zellen im Nervensystem, die aber durchaus auch betroffen sind. Schlussendlich wird das Zwerchfell nicht mehr bewegt, die Patienten ersticken, oder, wenn sie sich für mechanische Beatmung durch einen Luftröhrenschnitt entschieden haben, sterben sie oft an Lungenentzündungen. Der Verlauf von ALS und den schwereren Formen von SMA ist sehr schnell. 18 Monate nach Diagnose sind 50% der ALS Patienten gestorben, der Rest stirbt innerhalb von 3 bis 5 Jahren. Längere Überlebenszeiten sind ausgesprochen selten. Circa 2.000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an ALS [1], die Krankheit ist nicht so selten wie man es sich wünschen sollte.

ALS/MND ist also eine schlimme Sache, und in den kleinen Gehirnen der Leute, die dumm genug sind ihren Impfpass zu verbrennen, sind alle schlimmen Sachen ein Impfschaden. So auch ALS. Verwegen werden Falschbehauptungen aufgestellt, die wir hier richtig stellen wollen:

„ALS kann nicht nur genetisch bedingt sein“ –

Die für die obige Behauptung angeführte Quelle I (Wikipedia) sagt deutlich, dass die Ursache für ALS unklar ist. Diese Behauptung könnte man nur dann aufstellen, wenn wir 100% den Einfluss aller Gene über unseren Körper, Gesundheit und Krankheit kennen würden. Dem ist aber nicht so. Nur 5-10% der ALS Fälle sind “familiär”, sprich, Patienten hatten schon Verwandte mit ALS/MND. Das bedeutet aber nicht, dass nicht eine Neumutation für die Erkrankung in den “spontanen” Fällen verantwortlich gemacht werden kann. Gerade vor drei Jahren (2011) wurde eine Kontrollregion des Gens “C9ORF72” auf Chromosom 9 als in 10% aller ALS Fälle betroffen identifiziert, sowohl der familiären, als auch der spontanen. Bei familiärem ALS betrug der Prozentsatz sogar 50% in Finnland und mehr als 33% in anderen Gruppen europäischer Abstammung. Zwillingsstudien haben eine genetische Kontribution zur Erblichkeit von ungefähr 61% herausgearbeitet. Familiäres ALS wird zumeist autosomal dominant vererbt, obgleich man auch X-linked oder autosomal rezessive Verbreitungswege identifiziert hat. Es gibt noch viel zu entdecken.

„Das in Impfungen enthaltene Aluminium löst Nervenschäden aus und kann für ALS verantwortlich sein“ -

Da ALS erstmals (1869) vor Nutzung aluminiumhaltiger Impfstoffe beschrieben wurde, ist es unwahrscheinlich, dass Impfungen ursächlich für das Auftreten von ALS sind. Das Konzept von Adjuvantien etablierte sich nämlich erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde für das an Aluminium adsorbierte Diphtherietoxoid erstmals 1926 von Glenny et al. beschrieben.[6]

„In Tierversuchen konnten, nach Impfung, die ‘gleichen’ Schäden wie bei ALS gefunden werden“ –

Zur Stützung dieser Aussage werden etliche Publikationen angeführt (II, III, IV und VI). Alle diese Publikation sind vom gleichen Autorenteam: Christopher A. Shaw (II, III, IV, VI), Michael S. Petrik (III, IV) und Lucija Tomljenovic (VI). Wenn man sich aber die Initialstudie zum Einfluss von Adjuvantien auf Mäuse anschaut, kommen Zweifel an der Übertragbarkeit der Erkenntnisse aus dem Mäusemodell auf den Menschen auf. Mäusen mit 35 Gramm Körpergewicht (7 Mäuse wiegen also gut soviel wie ein handelsübliches Packet Butter) wurde in 2 Mal innerhalb von 2 Wochen Wochen 200µl, also fast 1% ihres Körpergewichts unter die Hautfalte im Nacken injiziert. Das wäre so, als würde man Babies 2x die Flüssigkeitsmenge eines doppelten Espressos injizieren, oder einem 80 Kilo Soldaten (die Autoren sprechen hier von “Gulf War Syndrome”) mehrfach fast einen Liter Flüssigkeit. In Wirklichkeit kommen Impfstoffe als halber Milliliter (10 davon passen auf einen Teelöffel), also 100 (für ein 5 Kilo Baby) bis 1.600 (für einen 80 Kilo Soldaten) mal weniger als die Mäuschen. Der Vergleich hinkt also gewaltig, von weiteren methodischen Zweifeln an den Arbeiten der Gruppe mal abgesehen [7][8], so ist unklar, warum gerade in der Aluminiumgruppe 11 anstelle von 10 Mäusen untersucht wurden. Hinzukommt, dass die Autoren in der Follow-up Publikation 2009 sich auf das gleiche Experiment mit den gleichen Mäusen und den gleichen Auswertungen beziehen. Weder die versprochene Auswertung zu den beiden anderen Gruppen (Squalene und Aluminiumhydroxid/Squalene) als auch die Folgeexperimente mit 9-Monate alten Mäusen wurden je veröffentlicht. Bondy (V) bezieht sich in seiner „besorgten Beschreibung“ auf Petrik & Shaws Mäuse (wo aber nur ein Experiment 2x als Quelle dient, s.o.). Petrik, Shaw und Tomljenovic sind nicht einfach nur objektive Wissenschaftler, sondern vor allem eines: Impfgegner mit einer Agenda, Organisateure und Sprecher auf Impfgegnerkonferenzen, dick mit Wakefield und dem National Vaccine Information Center (NVIC).[9][10]

„In der Amerikanischen Datenbank für Impfschadensfälle kommt ALS 24mal vor, sogar 3 Todesfälle (mit AUSRUFEZEICHEN!) werden dort genannt“ –

Auch das ist falsch. Wenn man die VAERS Datenbank über die Plattform medalerts.org (ein Interface des NVIC) durchsucht, dann findet man dort 31 Fälle von ALS/MND gemeldet [11]. Die Diskrepanz kommt natürlich dadurch zustande, dass man nach beidem suchen muss. Diese Datensätze muss man aber nicht nur abrufen, sondern auch interpretieren können:

1. „A report to VAERS generally does not prove that the identified vaccine(s) caused the adverse event described.“[12]
Die Erfassung einer unerwünschten Nebenwirkung in der VAERS-Datenbank ist keine Bestätigung, dass diese durch eine Impfung hervorgerufen wurde.

2. VAERS [13] erfasst seit 1990, also seit 24 Jahren, Meldungen von vermuteten Impfnebenwirkungen, in erster Linie aus den USA, aber auch weltweit. In dieser Zeit wurden in den USA alleine über 80 Millionen Babies geboren und mit Aluminium-haltigen Impfstoffen geimpft. Dazu kommen über 50 Millionen Dosen der HPV Impfung. Das Lebenszeitrisiko von ALS/MND liegt bei ungefähr 1/300.[14] Es wäre also ausgesprochen erstaunlich, wenn es keine Fälle von ALS/MND in der VAERS Datenbank gäbe. 31 sind, im Verhältnis zu der Zahl der gegebenen Impfungen, ausgesprochen wenige Meldungen.

3. Jeder kann alles alles an VAERS melden – und wenn die Behauptungen nicht zu wild sind (Impfungen machten meine Tochter zu Wonder Woman und Impfungen machten mich zum Hulk zum Beispiel [15]), dann bleiben die Datensätze auch darin. Eine VAERS Meldung sagt absolut nichts über die Kausalität der Impfung für ein nachfolgendes Ereignis aus.

4. Die Qualität der Meldungen ist sehr variabel [siehe Einzelmeldungen in 11] und reicht von “wir haben von einer Apotheker, dass ihr Bruder von seinem Neurologen gehört hat, dass der eine Patientin hatte, bei der nach Gardasil (Chargennummer unbekannt, Impfdatum unbekannt, Abstand von Impfung zu Diagnose unbekannt), ALS aufgetreten ist” (tatsächlicher Fall: VAERS ID: 327095), über Fälle bei denen der Patient schon vor der Impfung ALS/MND hatte (VAERS ID: 522105), bis zu “Impfschadensopfern” bei denen eine spezifische Infektion aufgetreten ist (z.B. Botulismus im Fall VAERS ID: 523286), oder eindeutig eine genetische Form der ALS/MND vorlag (Bruder, Vater und Großvater väterlicherseits des Patienten mit der VAERS ID 330883 hatten ALS; die Patientin mit der VAERS ID 449334 hatte die FUS Mutation, wie auch schon ihre Eltern).

„3 Todesfälle nach HPV-Impfung an ALS, Aluminium kann nicht als Ursache ausgeschlossen werden, weil die Zulassungsstudien auch ein Aluminiumhaltiges Placebo verabreicht bekamen“-

Alle 3 Todesfälle iVm ALS erhielten Gardasil als Impfstoff. Ob ALS auch nach Cervarix-Impfungen aufgetreten ist, läßt sich aus der VAERS Datenbank nicht erschließen. Im Rahmen der Zulassung von Cervarix wurden ca. 30.000 Probanden geimpft, vgl. mit ca. 22.000 Probanden für Gardasil (wovon knapp 10.000 ein Placebo erhielten). Für Cervarix wurde als Kontrollgruppen Impflinge untersucht, welche entweder ein Aluminiumplacebo (N=3.454) oder mittels Aluminium adsorbierte Hepatitis A Impfstoffe (N=1.032 und N=9.325) erhielten.[16] Im Fall von Gardasil wurde das Sicherheitsprofil anhand von doppeltverblindeter, plazebokontrollierter Studien überprüft. Zum Einsatz kamen neben dem Impfstoff auch ein Placebo mit und eines ohne Aluminium.[17]

Grundsätzlich ist zu sagen, dass ein Adjuvans kein Wirkstoff ist, aber die Wirkstoffpräsenz verbessert. Auch Placebos mit einem Aluminiumadjuvans sind Salzlösungen, Mineralsalzlösungen. Placebos auf NaCl-Basis ohne zusätzliche Aluminiumsalze verursachen selbst auch lokale Reaktionen. Aluminiumsalze gelten aufgrund der nahezu 100-jährigen Erfahrung als Adjuvans als etabliert – das Sicherheitsprofil ist aufgrund der milliardenfachen Anwendung im Wesentlichen bekannt. Bei den Placebos mit Aluminiumsalzen lässt sich der Nettoeffekt des Impf-Antigens hinsichtlich Antikörpertiter/-konzentration am besten herausarbeiten, da die Zusammensetzung sonst identisch ist. Der einzige Unterschied ist das Antigen. Ein NaCl-Placebo wäre jedoch schon wieder weniger vergleichbar – auch was die Sicherheit betrifft – hinterlässt ebenfalls Unsicherheiten hinsichtlich der Vergleichbarkeit. In der wissenschaftlichen Richtlinie, der die Zulassung jedes neuen Impfstoffes unterliegt, steht klar:

„Abhängig von der zu verhinderten Erkrankung und der Vertretbarkeit den Probanden einen möglicherweise wirksamen Impfstoff vorzuenthalten, kann der Kontrollgruppe ein Placebo, das Adjuvans selbst oder ein Alternativimpfstoff verabreicht werden, welcher nicht gegen die zu verhinderte Erkrankung schützt, aber einen anderen potentiell nützlichen Effekt für den Impfling beinhaltet.“[18]

Neurodegenerative Erkrankungen sind furchtbar und gnadenlos und man kann viele nicht heilen, oder auch nur zum Stillstand bringen. ALS ist tödlich. Immer. Unaufhaltsam. Mit vorhergegangenen Impfungen und auch danach. Es liegt in der menschlichen Natur dafür einen Grund zu suchen. Bevor man allerdings kopflos Impfungen für ALS/MND verantwortlich macht, lieber nachdenken und informieren, mit kühlem Kopf (nicht unbedingt Eiswasser gekühlt)!

[1] http://www.als-hilfe.org/
[2] http://www.fondation-thierry-latran.org/
[3] http://www.mndassociation.org/
[4] http://emedicine.medscape.com/article/1170097-overview
[5] http://emedicine.medscape.com/article/1264401-overview
[6] http://www.nature.com/icb/journal/v82/n5/full/icb200475a.html
[7] http://scienceblogs.com/insolence/2012/10/31/and-now-death-by-gardasil-again-not-so-fast/
[8] http://scienceblogs.com/insolence/2011/12/08/and-global-warming-is-caused-by-the-decr/
[9] http://leftbrainrightbrain.co.uk/2011/10/06/the-2011-vaccine-safety-conference-in-jamaica/
[10] http://www.harpocratesspeaks.com/2013/08/a-snapshot-of-deep-pockets-of-anti.html
[11] http://tinyurl.com/klnufcy
Hinweis: Die Daten entsprechen denen, die über das Regierungsinterface der CDC abgerufen werden können http://wonder.cdc.gov/vaers.html
[12] http://vaers.hhs.gov/data/index
[13] http://vaers.hhs.gov/about/index vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Vaccine_Adverse_Event_Reporting_System
[14] http://informahealthcare.com/doi/full/10.3109/21678421.2013.778565
[15] http://leftbrainrightbrain.co.uk/2006/03/14/on-using-vaers/ vgl.
http://web.archive.org/web/20070717172642/http://neurodiversity.com/weblog/article/14/
[16] http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/medicines/human/medicines/000721/human_med_000694.jsp&mid=WC0b01ac058001d124
[17] http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/medicines/human/medicines/000703/human_med_000805.jsp&murl=menus/medicines/medicines.jsp&mid=WC0b01ac058001d124
[18] „Depending on the disease to be prevented and the acceptability of withholding a potentially efficacious vaccine from some study participants,
the control group might be given a placebo, the adjuvant alone or an alternative vaccine that does not protect against the disease under study but provides some other potential benefit to vaccinees.“
http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Scientific_guideline/2009/09/WC500003870.pdf

(I) http://de.wikipedia.org/wiki/Amyotrophe_Lateralsklerose
(II) Shaw et al.: „Aluminum’s Role in CNS-immune System Interactions leading to Neurological Disorders“,Immunome Res 2013, 9:1.
[http://omicsonline.com/open-access/aluminums-role-in-cnsimmune-system-interactions-leading-to-neurological-disorders-14822-1745-7580-9-069.php?aid=20403]
(III) Shaw et al.: „Aluminum hydroxide injections lead to motor deficits and motor neuron degeneration“, J Inorg Biochem. 2009 November ; 103(11): 1555. [http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2819810/]
(IV) Petrik et al.: „ Aluminum adjuvant linked to Gulf War illness induces motor neuron death in mice”, Neuromolecular Med. 2007;9(1):83-100. [http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17114826]
(V) Bondy: “Prolonged exposure to low levels of aluminum leads to changes associated with brain aging and neurodegeneration”, Toxicology. 2014 Jan 6;315:1-7.
(VI) Tomljenovic et al.: “Aluminum Vaccine Adjuvants: Are they Safe?”, Current Medicinal Chemistry, 2011, 18, 2630-2637. [http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21568886]
(VII) http://www.medalerts.org/vaersdb/
(VIII) Ehgartner: “Gesund ohne Aluminium”, Ennsthaler Verlag, 2014

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2 Antworten auf Impfgegnermärchen: ALS als Impfschaden

  1. Wie beurteilen Sie als Fachfrau die Narkolepsie-Fälle nach der Verabreichung von Pandemrix und die tödlichen ZNS-Vaskulitis-Fälle bei 2 jungen Frauen in Kanada nach der Verabreichung von Impfstoffen gegen FSME?

  2. Catherina sagt:

    Liebe Federflüsterin – die Kanadischen Fälle kenne ich nicht, aber weder Narkolepsie noch ZNS Vaskulitis sind ALS.

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