Für Impfen: 16 Wochen Windpockenkampf – Elise

Immer wieder meinen Eltern, “Kinderkrankheiten soll man so bald wie möglich hinter sich bringen” – auf Für Impfen, der fantastischen Facebookseite zum Thema, hat jetzt die Mama von Elise geteilt, was ihre Tochter aushalten musste:

Es war Anfang der 1990er Jahre, es gab zwar eine Windpockenimpfung, aber die war nur für Risikopatienten vorgesehen und man war allgemein der Meinung, dass dieser Infekt zwar lästig, aber grundsätzlich harmlos sei.

Meine Tochter war 18 Monate alt, als sie innerhalb von 2 Wochen erst eine Bronchitis und anschließend die Windpocken bekam. An den Windpocken war ich nicht ganz unschuldig und mache mir heute deswegen noch Vorwürfe (am Ende dieses Beitrags wisst ihr auch warum). Anfang März bekam die Tochter unserer Tagesmutter Windpocken.

Ich brachte meine Tochter trotzdem zu ihr, damit sie die Windpocken bekäme und hinter sich hätte. Ich selber hatte die Windpocken erst mit 16 Jahren und ziemlich heftig, mein 3 jähriger Bruder dagegen hatte nur 5 Bläschen und ich befand, je früher man diesen Infekt hinter sich brächte, umso besser sei das.

Eine Woche später bekam meine Tochter unerwartet eine Bronchitis und noch eine Woche später wie geplant die Windpocken. Wider Erwarten hatte sie die Windpocken extrem heftig: überall Bläschen, sie quälte sich schrecklich. In der zweiten Woche Windpocken wurde ihr Allgemeinzustand richtig schlecht, sie bekam hohes Fieber und war apathisch. Unser Hausarzt konnte aber außer den Windpocken nichts anderes finden und nach 3 Tagen ging es ihr wieder zunehmend besser.

Es war an einem Dienstag, meine Tochter war soweit wieder fit, sie war noch ein wenig wackelig auf den Beinen, konnte aber wieder zur Tagesmutter. Abends erzählte die Tagesmutter, dass meine Tochter mit dem linken Fuß nicht richtig auftreten würde – obwohl sie schon richtig laufen konnte. Sie hatte keine Schmerzen, der Hausarzt vermutete, dass sie sich vielleicht irgendwie vertreten habe und empfahl uns, sie einem Orthopäden vorzustellen.

Am nächsten Tag, es war ein Mittwoch Nachmittag, an dem alle Artzpraxen geschlossen sind, wurde der linke Knöchel meiner Tochter plötzlich heiß und dick, diese Schwellung bildete sich nach etwa einer Stunde wieder zurück. Mein Mann und ich waren sehr besorgt, deshalb sind wir in die Notaufnahme des Krankenhauses gefahren. In der Klinik wurde sie geröntgt, lachte fröhlich mit den Ärzten, hatte offensichtlich keine Schmerzen, die Knochen waren nicht gebrochen – nur aufgetreten ist sie nicht. Der diensthabende Arzt belächelte unsere Sorgen: “Junge Eltern, jajaja, die haben immer so unbegründete Sorgen…” und beschloss, dass meine Tochter einen Tick habe und sich das wieder geben würde.

Ich war mit dieser Antwort nicht zufrieden – irgendetwas in mir drinnen sagte mir, dass da irgendwas absolut nicht in Ordnung ist.

Der nächste Tag war ein Donnerstag, ich war arbeiten. In einer Pause habe ich mich beim Orthopäden vor Ort um einen Termin bemüht. Die Sprechstundenhilfe teilte mir freundlich mit, dass wir in schon 3 Wochen mit einem Termin rechnen könnten. Ich bräuchte mit meiner Tochter auch am Nachmittag gar nicht einfach so aufzutauchen, wir müssten mit extrem langer Wartezeit rechnen. Ich solle es mal mit dem Orthopäden bei uns im Ort versuchen. Ich habe also bei diesem Arzt angerufen – der hatte Urlaub. Die Vertretung des Orthopäden in meinem Ort war wiederum ein Arzt in dem Ort, wo ich tätig war. Ich bin also dort hingelaufen – dieser Arzt war auch im Urlaub, seine Vertretung war der Orthopäde, bei dem ich morgens schon war (der mit dem Termin in drei Wochen …)

Langsam war ich mit meinen Nerven doch ziemlich am Ende, ich stand in einer Telefonzelle* und habe bei den anderen Orthopäden im Ort angerufen – alle waren in Urlaub oder es ging keiner ans Telefon. Völlig verzweifelt habe ich im Ärzteverzeichnis geblättert und bin auf den Namen eines Kinderarztes gestoßen, der seine Praxis gerade um die Ecke von meiner Telefonzelle hatte. Kurzentschlossen bin ich also in diese Praxis eingefallen und habe was von meiner Tochter gestammelt (ich bin schon fast in Tränen ausgebrochen, so verzweifelt war ich) und dass sie unbedingt noch heute von einem Arzt angeschaut werden müsse. Die Sprechstundenhilfe sagte mir, dass sie eigentlich Aufnahmestopp hätten, aber ich solle halt meine Tochter holen und am Nachmittag mit ihr in die Praxis kommen.

Gesagt – getan. Zusammen mit meiner Tochter stand ich am Nachmittag wieder in dieser Praxis und bin endlich an einen Arzt geraten, der mir richtig zugehört hat, der meine Tochter ganz genau untersucht hat, der tausend Fragen stellte und es auch ganz und gar nicht in Ordnung fand, dass sie mit dem einen Fuß nicht auftrat, obwohl sie anscheinend keine Schmerzen hatte. Letztendlich erklärte er uns, dass er ohne genauere Untersuchungen keine klare Diagnose stellen könne und überwies uns in die Kinderklinik am gleichen Krankenhaus, in dem wir am Mittwoch schon in der Notaufnahme waren (nur leider wusste ich da noch nicht, dass es dort überhaupt eine Kinderklinik gab). Wir bekamen also das rosa Einweisungsformular, das komplett vollgeschrieben war, keine einzige leere Zeile mehr drauf.

Die Krankenschwester an der Aufnahme nahm das Formular, grinste und sagte : “Jajajaja, typisch Behrmann[1], der schreibt immer solche Romane …”

Der diensthabende Kinderarzt in der Klinik untersuchte meine Tochter und dann ging alles sehr schnell: innerhalb von 30 Minuten war das Bein meiner Tochter komplett eingegipst und sie hing an einem Antibiotise-Tropf – vorläufige Diagnose Knochenmarkentzündung am linken Knöchel. Die anderen Möglichkeiten waren Kleinhirnlähmung oder Krebs.

Um diese Diagnose zu bestätigen wurde am nächsten Tag ein Szintigramm gemacht. Das ergab eine fulminante Knochenmarkentzündung in der Wachstumsfuge des linken Sprunggelenks. Der Kinderorthopäde sagte uns, wenn wir noch 2 Tage später gekommen wären, hätte man den Knöchel wahrscheinlich amputieren müssen. Außerdem sei eine solche Superinfektion akut lebensbedrohlich.

An diesem Nachmittag wurde der Gips noch einmal neu angelegt und der Arzt, der das überwachte, war der Arzt, der Mittwochs in der Notaufnahme Dienst hatte. Er schaute mich fragend an und ich habe ihm bestätigt, dass wir uns kennen würden und dass wir jungen, ängstlichen Eltern uns wohl doch nichts eingebildet hätten. Der Kinderorthopäde, der auch anwesend war, ließ sich das Röntgenbild von Mittwoch bringen und hat dem Arzt aus der Notaufnahme gezeigt, wo auf diesem Röntgenbild die Knochenmarkentzündung (Osteomyelitis) zu sehen war, nur sehr schwer zu erkennen, aber nicht unmöglich. Warum uns der Arzt in der Notaufnahme nicht in die Kinderklinik nebenan geschickt hat, ist mir heute noch ein Rätsel.

Meine Tochter bekam 4 Wochen lang intravenös ein knochengängiges Antibiotikum, danach noch 2 Wochen lang oral und dann durften wir endlich nach Hause gehen. Zuhause musste sie den Gips noch weitere 2 Wochen tragen, anschließend bekam sie eine spezielle Schiene angepasst, die verhinderte, dass sie den Knöchel belastet. Diese Schiene hat sie weitere 6 Wochen getragen. Insgesamt haben die Windpocken und ihre Nachwirkungen bei meiner Tochter rund 16 Wochen gedauert.

Der Kinderorthopäde sagte, dass in etwa 90 Prozent solcher Fälle mit Folgeschäden zu rechnen sei, zum Beispiel, dass die Wachstumsfuge sich zu früh schließe und das Bein dann kürzer wäre als das andere. Wir hatte unbeschreibliches Glück: dieser Horror ist jetzt über 20 Jahre her und es ist nichts zurückgeblieben. Meine Tochter hatte auch keinen Rückfall, der bei jedem Infekt hätte auftreten können.

Dem wunderbaren Kinderarzt blieben wir treu. Er mag ein streitbarer Zeitgenosse gewesen sein, aber er war in erster Linie ein großartiger Kinderarzt und genialer Diagnostiker. Vielen lieben Dank Ralf Behrmann.

Ein ungutes Gefühl ist geblieben: ich bin für diese schlimme Krankheit meiner Tochter verantwortlich, denn ich war es, die die Windpockeninfektion absichtlich provoziert hat, mit besten Absichten – aber jeder Infekt kann diese schlimme Komplikation nach sich ziehen. Die vermutete Kleinhirnlähmung, aber auch kindliche Schlaganfälle, sind sehr seltene Komplikationen der Windpocken – selten, aber die Möglichkeit besteht.[2] Hätte meine Tochter durch meine Schuld ihr Bein verloren, so hätte ich mir das niemals verzeihen können, soviel steht fest.

Und wenn ich dann von “Masern-Parties” höre, dann läuft es mit eiskalt den Rücken runter, denn die Masern sind noch weitaus gefährlicher als die Windpocken! Lasst eure Kinder impfen, denn selbst die angeblich harmlosen können fatale Folgen haben.

* Hinweis: Ja, Anfang der 90er waren Mobiltelefone nicht allgegenwärtig und es gab auch kein Internet unterwegs. Wer einen Arzt oder Dienstleister zu erreichen suchte, brauchte eine Telefonkarte oder Kleingeld und musste hoffen, dass das Telefonbuch in der Zelle vorhanden war.

[1] Ralf Behrmann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Frankfurt am Main. Behrmann zeichnete sich durch öffentliches Eintreten für Impfungen aus. Er agitierte unerlässlich gegen die Protagonisten und Multiplikatoren der Impfkritik.
[2] Martina Prelog und Lothar B. Zimmerhackl. Windpocken – keine harmlose Erkrankung. Ärzte Krone 1/09. S. 8-9.
http://www.docs4you.at/Content.Node/PresseCorner/AerzteKrone/Artikel_Prelog_Zimmerhackl.pdf

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