Monatsarchiv für Februar 2010

Fast könnte er einem Leid tun - so wie von vielen vorhergesagt, war die Entscheidung des General Medical Council, dass Wakefield und Kollegen unethisch und ohne Rücksicht auf das Leiden von Kindern gehandelt hatte der Anfang vom Ende seiner Karriere. Wenige Tage nach der Verkündung der GMC Befunde zog das angesehene Fachblatt The Lancet die kontroverse Veröffentlichung Wakefields zurück, in der erstmals (und anscheinend im Auftrag von Anwälten, die die Impfstoffhersteller verklagten) die Verbindung zwischen Autismus und der MMR-Impfung veröffentlicht wurde.

Der Sturm der Entrüstung unter Wakefields Anhängern war groß. Es wurde verkündet, seine Ergebnisse seien doch fünf mal in fünf verschiedenen Ländern reproduziert worden - diese Behauptung hält allerdings einer Kontrolle nicht stand. Das Blatt “Medical Veritas” bot großzügig an, das Lancet-Paper von Wakefield wieder zu veröffentlichen. Eine Geste, die weniger beeindruckt, wenn man weiss, dass Wakefield selber einer der Herausgeber von “Medical Veritas” ist.

Ebenso verwiesen die Anhänger Wakefields, unter ihnen auch Prominente wie das Ex-Playgirl Jenny McCarthy und ihr Lebensgefährte, Dumb and Dumber Schauspieler Jim Carrey, auf eine Studie an Affen, die die Schuld der Impfungen an Autismus beweisen sollte. Diese Studie, seit Oktober 2009 “im Druck” bei NeuroToxicology war schon länger wegen offensichtlicher Fehler im Studiendesign kritisiert worden (Orac, Prometheus, Just the Vax), ein Blogger rief sogar zum Boykott des Verlagshauses Elsevier auf. Anfang der Woche hat die Editorin von NeuroToxicology ohne nähere Angaben über ihre Gründe die Studie zurückgezogen.

Weiter hinter Wakefield schien einzig sein jetziger Arbeitgeber Thoughtful House zu stehen. Nach der GMC Entscheidung postete Thoughtful House eine Erklärung zu Gunsten Wakefields, die auch von der Thoughtful House Medienabteilung an verschiedene Blogger gesendet wurde. Mit dem Rückhalt ist es jetzt offenbar vorbei. Laut einer Erklärung der Thoughtful House Yahoo-Gruppe ist Andrew Wakefield von seiner Position als Forschungsdirektor zurückgetreten:

Dr. Wakefield has resigned from Thoughtful House

The needs of the children we serve must always come first. All of us at Thoughtful House are grateful to Dr. Wakefield for the valuable work he has done here. We fully support his decision to leave Thoughtful House in order to make sure that the controversy surrounding the recent findings of the General Medical Council does not interfere with the important work that our dedicated team of clinicians and researchers is doing on behalf of children with autism and their families. All of us at Thoughtful House continue to fight every day for the recovery of children with developmental disorders. We will continue to do our very best to accomplish our mission by combining the most up-to-date treatments and important clinical research that will help to shape the understanding of these conditions that are affecting an ever-increasing number of children worldwide.

Mein erstes Gefühl ist Erleichterung. Dann etwas Enttäuschung, dass es so lange gedauert hat und dass die Medien die Kontroverse um die MMR-Impfung so aufgebauscht haben, dass die Ausrottung der Masern in Europa noch lange nicht erreicht ist und immer wieder Kinder an impfpräventablen Krankheiten leiden und sterben müssen. Das wird wohl noch etwas länger so bleiben, während das Martyrium des St. Andy weitergeht und immer mehr seiner Aktivitäten enthüllt werden.

Es war einmal ein Gastroenterologe in London, der bekam von einer Anwaltsfirma £55.000 angeboten, um ein paar Kinder zu untersuchen und Masern-Viren im Darm zu finden - damals schien das so eine gute Idee….

In einem in der Wissenschaft eher seltenen Schritt hat das angesehene Medizinjournal “The Lancet” die 1998 von Andrew Wakefield und Kollegen publizierte Studie, die den MMR macht Autismus Wahn ausgelöst hat, zurückgezogen. Die Editoren schrieben Dienstag in ihrer Erklärung:

Following the judgment of the UK General Medical Council’s Fitness to Practise Panel on Jan 28, 2010, it has become clear that several elements of the 1998 paper by Wakefield et al1 are incorrect, contrary to the findings of an earlier investigation.2 In particular, the claims in the original paper that children were “consecutively referred” and that investigations were “approved” by the local ethics committee have been proven to be false. Therefore we fully retract this paper from the published record.

Dieser drastische Schritt folgt der Verkündung der Untersuchungsergebnisse des General Medical Council in England, der letzte Woche Wakefield und zwei seiner Kollegen bescheinigte unethisch gehandelt zu haben. So veranlassten die drei Ärzte schwere Eingriffe an Kindern (Rückenmarktspunktionen und Darmbiopsien) ohne medizinische Notwendigkeit und ohne Erlaubnis einer Ethikkommission. Darüber hinaus hatte Wakefield Gelder nicht richtig verwendet. Ebenso hatte er auf einer Geburtstagsparty seines Sohnes Blutproben der kleinen Gäste gegen eine “Entschädigung” von 5 Pfund  abgenommen und später auf einem Kongress darüber gescherzt wie “zwei Kinder ohnmächtig wurden und eins sich über seine Mutter übergeben musste” und dass er “nächstes Jahr dann sicher 10 Pfund zahlen müsste”. Es wird erwartet, dass auf Grund dieser Entscheidung über sein unprofessionelles und unethisches Vorgehen, Wakefield in Grossbritannien die Zulassung als Mediziner entzogen wird. Diese Entscheidung fällt im Sommer.

Für Kritiker Wakefields war diese Entscheidung lange überfällig. Das Lancet-Paper war immer wieder als “wissenschaftliche Legitimierung” der Ideen hervorgeholt worden, dass die Mumps-Masern-Röteln Impfung Autismus auslöst. In Grossbritannien hatte der Mediensturm, der nach der Veröffentlichung des Artikels mit Wakefields Hilfe losgetreten wurde zu einem dramatischen Abfall der Impfraten gefuehrt und in der Nachfolge zu Masernausbrüchen und einer Mumpsepidemie mit mehreren zehntausend Erkrankten. Andrew Wakefield leitet inzwischen die wissenschaftliche Abteilung von “Thoughtful House”, einer Klinik in Texas, die weiter autistische Kinder behandelt.

The Lancet hatte lange gezögert, obwohl schon im Jahr 2004 zehn Autoren der Originalstudie sich von der Interpretation der Studie distanzierten (Retraction of Interpretation). Medienberichten zufolge plante nun das British Medical Journal die Veröffentlichung eines Leitartikels zu dem Thema am heutigen Mittwoch, der The Lancet nun zuvorgekommen ist.

Es bleibt zu hoffen, dass sich das unprofessionelle Vorgehen von Andrew Wakefield und seinen Kollegen herumspricht, Eltern ihre Ängste vor der MMR Impfung bezwingen können und Eltern autistischer Kinder ihre Kinder nicht mehr für unethische Menschenversuche zur Verfügung stellen.