20.01.2009
Die Ignoranz deutscher Eltern bedroht Kinder in anderen Ländern
Aus der Zeit-Online:
Die Masern wurden schon zynisch als treueste Verbündete des Christopher Kolumbus im Kampf gegen die Azteken bezeichnet. Tatsächlich raffte die Seuche damals die Ureinwohner Amerikas in Massen dahin. Heute könnte, wie das Fachblatt The Lancet gerade feststellte, Deutschland die Masern in alle Welt exportieren. Im Ranking der Masern-Fälle steht Deutschland auf Rang 26, nur einen Platz unter Usbekistan und zwei Plätze vor Sambia und dem Tschad.
Es ist absehbar, dass das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, Europa bis 2010 masernfrei zu bekommen, nicht erreicht wird. Und ausgerechnet deutsche Eltern sind dafür mit verantwortlich. Unterstützt von einer Gruppe aufklärungsresistenter Ärzte sind sie der Meinung, ihren Kindern schade eine Masern-Impfung mehr als das Risiko der Krankheit. Nun mag man ja der Ansicht sein, dass Impfungen Teufelszeug seien, wenn aber das eigene Kind andere Kinder mit gefährlichen Viren ansteckt, trägt man eine Mitverantwortung für die Folgen.
Den Impfkritikern ist zuzugestehen, dass der mögliche Schaden durch eine Infektion abgewogen werden muss gegen die Nebenwirkungen einer Impfung. Für die Masern-Impfung fällt die Bilanz allerdings eindeutig aus: Bei Ungeimpften tritt in einem von rund 20.000 Infektionsfällen eine oft tödliche Hirnentzündung auf. Nach Hunderttausenden Impfungen hingegen wurden beim Paul-Ehrlich-Institut 15 Todesfälle in Verbindung mit dem Kombinationsimpfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln gebracht (und das, ohne dass damit ein ursächlicher Zusammenhang bewiesen wäre). Viele Langzeitschäden werden zwar gern behauptet, sind aber bisher nicht belegt. Gleichwohl lehnen manche Ärzte und Eltern aus ideologischen Gründen noch immer die Impfung ab – oder vergessen den zweiten Impftermin.
Das ist nicht nur für deutsche Gesundheitswächter alarmierend. Das Verhalten der vermeintlich »aufgeklärten« Westler ist auch ein irritierendes Signal für die Entwicklungsländer. Dort fielen bis vor zehn Jahren noch jährlich eine Million Kinder den Masern zum Opfer. Aber durch groß angelegte Impfkampagnen sank in nur sieben Jahren die Zahl der Todesopfer unter Kindern von 750.000 auf 197.000. Angesichts dieses Erfolges ließe sich sogar eine Welt vorstellen, in der Masern ausgerottet sind. Doch die »naturbelassenen« Kinder deutscher und anderer Impfkritiker bilden ein Reservoir für die erneute Ausbreitung des Virus. Es reicht, dass eine reisefreudige Kleinfamilie die Krankheit in ein masernfreies Reiseland trägt. Da in vielen Entwicklungsländern Vitamin-A-Mangel herrscht, sterben oder erblinden dort die Kinder sehr viel häufiger an Masern.
So dokumentiert das Schicksal der Masern-Kampagnen augenfällig, wie erfolgreich öffentliche Gesundheitspolitik in Entwicklungsländern sein kann und wie abergläubisch manche Menschen in den sogenannten entwickelten Ländern sind.
Gesundheit gilt bei uns gemeinhin als Privatsache. Doch dieses Privatinteresse endet dort, wo die Gesundheit anderer bedroht ist.